
Tipps rund um den Igel
Dr. med. vet. Claudia Veit ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit Praxis in Heidelberg. In ihrer Freizeit ist sie auf vielfältige Weise im Tierschutz aktiv. Sie ist Kuratoriumsmitglied im Tierschutzverein ihrer Stadt und engagiert sich u.a. für den Schutz von Fledermäusen und Greifvögeln. Heute hat sie für den BVT wissenswerte Praxistipps rund um die Pflege von Igeln zusammengestellt.
Mit dem Herbst nähert sich wieder die Zeit, in der unsere einheimischen Igel vermeintlich oder tatsächlich hilfsbedürftig sind. Nicht immer ist das Stacheltier in menschlicher Obhut besser dran als in „freier Wildbahn“, deshalb wollen wir hier ein paar Tipps geben.
Aufzucht eines hilfsbedürftigen jungen Igels.Was fressen Igel?
Igel gelten als sehr nützliche Tiere, denn sie vertilgen Insekten samt Larven und Schnecken. Sie fressen außerdem Regenwürmer, Käfer, Tausendfüßler, Aas, Ohrwürmer, Raupen, nestjunge Mäuse, Schlangen, Eidechsen, Frösche und Vogeleier. Immer wieder wird der Igel mit auf seinen Stacheln aufgespießtem Fallobst gezeigt, aber weder legt er Obstvorräte an noch braucht er Obst zur Ernährung. Regenwürmer, Schnecken und Insekten sind Zwischenwirte für verschiedene Parasiten, von denen Igel deshalb fast immer befallen sind.
Wie lange dauert der Winterschlaf?
Von Mitte Oktober/November bis Mitte März/April verschlafen die Igel den Winter, in dem sie aus Mangel an natürlicher Nahrung (ver)hungern müssten. Jungigel ziehen sich oft erst im November zum Winterschlaf zurück, da sie bis dahin noch mehr Gewicht zulegen müssen als ihre bereits ausgewachsenen Artgenossen.
Wann soll ein Igel aufgenommen werden?
Grundsätzlich dürfen nur objektiv hilfsbedürftige Igel in Menschenobhut genommen werden. Das Naturschutzgesetz verbietet es zu Recht, gesunde Igel aus der freien Wildbahn zu entnehmen. Offensichtlich verletzte oder kranke Igel dürfen aber gesundgepflegt und dann wieder ausgewildert werden. Untergewichtige Jungigel, die den Winterschlaf nicht überleben würden, darf und soll man in Gefangenschaft überwintern und im nächsten Frühjahr wieder freilassen. Die Grenze liegt dabei Ende September bei unter 200 g, Mitte Oktober bei unter 300 g, Ende Oktober bei unter 400 g und Ende November bei unter 500 g Körpergewicht. Mit 500 bis 600 g Körpergewicht darf und kann ein Igel in den Winterschlaf gehen.
Da Igel in Freiheit pro Tag 5 bis 6 g zunehmen, lässt sich einfach ausrechnen, ob sich ein Fundigel bis Mitte November noch ein ausreichendes Gewicht anfuttern kann.
Wie schwer ist ein normaler Igel?
Üblicherweise wiegt ein ausgewachsener Igel bei einer Körperlänge von 25 cm im Sommer etwa 700 bis 1200 g. Es gibt auch sehr große Exemplare mit 30 cm Länge und bis zu 1500 g Gewicht. Bei der Geburt wiegt ein Igel je nach Wurfgröße bis etwa 30 g. Mit sieben Wochen bringt der Igel rund 300 g auf die Waage und trennt sich von seiner Familie, um selbstständig als Einzelgänger durchs Leben zu gehen. Vor dem Winterschlaf nimmt ein Igel in Freiheit täglich 5 bis 6 g zu, in Gefangenschaft sogar bis zu 10 g. Während des Winterschlafs verliert er dann am Anfang jeden Tag bis zu 4 g, später täglich 1 bis 2 g seines Gewichts. Insgesamt ist er nach dem Winterschlaf 100 bis 300 g leichter als vorher.
Womit soll ein Igel in Gefangenschaft gefüttert werden?
Igelfutter soll eiweiß- und energiereich sein. Katzenfutter aus der Dose, gekochtes Ei und Rinderhackfleisch eignen sich gut. Ballaststoffe in Form von gekochten Karotten, getrockneten Garnelen, Hühnerknorpel etc. sollten zusätzlich verabreicht werden. Quark und Mehlwürmer bringen Abwechslung in den Speiseplan. Ein Vitamin-Mineralstoff-Präparat sollte das Futter ergänzen. Inzwischen gibt es sogar schon kommerzielles Igelfutter im Handel. Igel bekommen ihr Futter einmal täglich, am Abend. Als Getränk eignet sich ausschließlich Wasser. Milch und andere trinkbare Flüssigkeiten (Säfte, Milchmixgetränke, alkoholische Getränke) sind ungeeignet.
Worauf muss man bei der Pflege achten?
Die nachtaktiven Igel machen viel Lärm, deshalb kann man sie nicht im Kinderzimmer überwintern lassen. Am besten bringt man sie in einem ausbruchsicheren und leicht zu reinigenden Käfig in einem heizbaren Neben- oder Kellerraum unter. Kranke Igel sind in einem kleinen Käfig, z.B. einem Meerschweinchenkäfig, gut untergebracht. Gesunde Igel benötigen mehr Platz und sollten einen geeigneten Auslauf haben. Igel leiden unter zahlreichen Parasiten und müssen möglichst dagegen behandelt werden. In Gefangenschaft ist auf peinlichste Sauberkeit zu achten. Ein Igel kann sich an seinen eigenen, mit dem Kot ausgeschiedenen Parasiten selbst immer wieder neu anstecken. Nur die täglich wenigstens einmal ausgeführte, gründliche Käfigreinigung verhindert solche Superinfektionen. Am praktischsten ist es, wenn der Igelkäfig mit täglich zu wechselnden Zeitungen ausgelegt wird. In Freiheit läuft ein Igel jede Nacht während der Futtersuche viele Kilometer. In Gefangenschaft ist der zur Verfügung stehende Platz eingeschränkt, dafür das Futter leicht und unbegrenzt zu haben. Es kommt dadurch gar nicht so selten vor, dass Igel in Gefangenschaft regelrecht gemästet werden, was ihnen ebenso wenig bekommt wie allen anderen Lebewesen.
Welche Temperatur braucht ein Igel?
Die Umgebungstemperatur sollte zwischen 18 °C und 22 °C liegen. Unter 12 °C stellt der Igel das Fressen ein, fällt aber noch nicht in den energiesparenden Winterschlaf. Aufgepäppelte Igel, die nach Erreichen eines Körpergewichtes von rund 600 g in den Winterschlaf gehen sollen, überwintert man in einem wärmegedämmten, trockenen Schlafhäuschen in einem kalten Kellerraum, auf dem Dachboden, in einer Scheune, auf dem Balkon oder einem Kellerfensterschacht. Die Temperatur darf dort keinesfalls über 6 °C steigen, damit der Igel nicht aus seinem Winterschlaf erwacht. Igel vertragen im Winterschlaf Frost, wenn das Schlafhäuschen trocken und wärmegedämmt ist. Es muss unbedingt Schutz vor Ratten bieten.
Warum röcheln manche Igel?
Igel leiden unter einer Vielzahl von Parasiten. Die weit verbreiteten Lungenwürmer führen zu einer röchelnden, rasselnden Atmung. Der Tierarzt kann Lungenwürmer wie auch die anderen Parasiten mit geeigneten Medikamenten behandeln.
Was sind die häufigsten Gesundheitsprobleme beim Igel?
An erster Stelle stehen sicher die Endo- und Ektoparasiten. Igel werden von Flöhen, Zecken, Milben, Lungenwürmern, Magenwürmern, Speiseröhrenwürmern, Saugwürmern, Nadwürmern, Rundwürmern, Kratzern und Kokzidien geplagt. Auch Fliegenmaden stellen ein ernstes Problem dar.
Mein Igel bespuckt sich. Hat er Tollwut?
Das Selbstbespeicheln gehört zum normalen Verhalten gesunder Igel. Es hat mit der Verarbeitung von Geruchseindrücken zu tun. Ein Zeichen für Tollwut ist es nicht. Igel sind für Tollwut nur wenig empfänglich und fast nie von dieser Krankheit betroffen.
Was kann ich für Igel tun?
Tierschutz bedeutet zuallererst immer den Schutz des Lebensraums. Naturnahe, artenreiche Gärten ohne Gift bieten Versteckmöglichkeiten und Nahrung für viele Tiere. Im Sommer ist eine Tränke willkommen. Künstliche Winterverstecke können einem herumvagabundierenden Igel das Leben erleichtern. Im Herbst hilft eine katzensichere Futterstelle beim Anfressen des Winterspecks. Wer keinen Garten hat, kann eine der vielen Igelstationen unterstützen. Hilfe bei der Putzarbeit ist ebenso willkommen wie Sach- und Geldspenden.
Gibt es berühmte Igel?
Na ja: Mecki und den Igel von „Hase und Igel“. Einen echten Igel, der zu Berühmtheit gelangte, gibt es meines Wissens nicht.
Ich will mehr über Igel wissen. Wo kann ich mich informieren?
Mittlerweile gibt es Bücher über Igel. Der bundesweit tätige Verein „Pro Igel e.V.“ hat außerdem eine tolle, informative Homepage im Internet: www.pro-igel.de Beim Bundesverband Tierschutz in Moers kann die Broschüre „Ratschläge zur Pflege hilfsbedürftiger Igel“ angefordert werden.
Bundesverband Tierschutz e.V.
