Junge Teichrohrsänger. Foto: Archiv

Findlinge – was tun?

Endlich werden die Tage wieder länger! In der warmen Jahreszeit ziehen die einheimischen Wildtiere mit großem Fleiß ihre Jungen auf. Vögel stopfen unermüdlich die hungrigen Mäuler im Nest. Mäuse, Eichhörnchen, Kaninchen und Füchse werden in schützenden Höhlen von ihren Müttern gesäugt, während junge Feldhasen und Rehkitze scheinbar verlassen in einer Ackerfurche liegen.

Immer wieder werden junge, vermeintlich hilflose Tiere von Spaziergängern gefunden und kurzerhand mitgenommen. Wohl am häufigsten sind bereits vollständig befiederte Jungvögel von diesen „Entführungen“ betroffen, aber es scheint sich auch noch nicht überall herumgesprochen zu haben, dass man Rehkitze keinesfalls anfassen sollte.

Viele der mitgenommenen Wildtiere überleben leider die in bester Absicht eingeleiteten „Rettungsversuche“ nicht. Ohne genaue Kenntnis der aufgefundenen Tierart und ihrer Ernährungs- und Haltungsansprüche richten laienhafte Aufzucht- und Pflegeversuche sogar mehr Schaden als Nutzen an. Nicht nur vor der Anschaffung eines Haustieres, sondern auch vor der Hilfeleistung an einem Wildtier sollte man sich also sorgfältig überlegen, was man tut. Passend zur Jahreszeit geht es hier nur um aufgefundene Jungtiere. Über Hilfeleistungen an verunfallten, verletzten und kranken Wildtieren wird in einem späteren Bericht informiert.

Eine Grundsatzfrage

In den meisten Fällen spielt die Rettung eines Einzeltieres für den Bestand einer Tierart keine Rolle. Die Natur hat große Verluste einkalkuliert und gleicht sie durch ausreichenden Nachwuchs aus. Die sprichwörtliche Fruchtbarkeit unserer europäischen Wildkaninchen kompensiert die ständige Bedrohung durch Fressfeinde, Straßenverkehr und verschiedene Krankheiten so gut, dass sie die Redensart „vermehrt sich wie Kaninchen“ prägte. Manchmal werden Jungtiere sogar von ihren eigenen Eltern verstoßen. Schwachen, kranken, missgebildeten oder sich nicht artgemäß verhaltenden Nachwuchs absichtlich aus dem Nest zu werfen oder nicht (mehr) zu versorgen, kommt uns Menschen grausam vor, kann in der freien Natur aber zum Überleben und zur Arterhaltung notwendig sein. Solche Jungtiere sind häufig auch in menschlicher Obhut nicht überlebensfähig. Viele der vermeintlich „geretteten“ Tiere brauchen gar keine Hilfe. Wie weiter unten beschrieben wird, trifft das z.B. auf so genannte „Ästlinge“ (befiederte Jungvögel außerhalb des Nestes) sowie auf abgelegte Rehkitze und Feldhasen zu. Die künstliche Aufzucht von Tieren ist schwierig und längst nicht immer erfolgreich. Wenn die Tierchen überleben, können mangelhafte Ernährung und fehlerhafte Prägung eine erfolgreiche Auswilderung verhindern. Aber erfolgreich ausgewilderte Tiere haben nicht immer die Fähigkeit, zu überleben und durch Aufzucht eigenen Nachwuchses ihren Beitrag zur Arterhaltung zu leisten. Für die Arterhaltung ist der Schutz des Lebensraums samt der zum Überleben notwendigen Bedingungen viel wichtiger als die tatsächliche oder vermeintliche Rettung eines einzelnen Jungtieres.

Hilfsbedürftig oder nicht?

Wenn man ein vermeintlich hilfsbedürftiges Tier findet, muss man sich zuallererst die Frage stellen, ob und in welcher Art Hilfe nötig ist. Da die beste Versorgung immer durch die leiblichen Eltern erfolgt, sollte man stets versuchen, ohne menschlichen Eingriff in die Natur auszukommen. Reh-/Hirschkitz: Die Mutter legt ihr Junges an einer geschützten Stelle ab, wo sie es nur zum Säugen besucht. Gut getarnt durch ihren minimalen Eigengeruch und die spezielle Fellzeichnung werden die Kitze nicht so leicht von ihren Fressfeinden aufgespürt. Findet man trotzdem solch ein Kitz, darf es keinesfalls berührt werden (die Mutter nimmt es sonst nicht mehr an!). Entfernen Sie sich schnell und denken Sie auch daran, Ihren Hund anzuleinen. Eine Ausnahme stellen offensichtlich verletzte Kitze dar, wie man sie leider auf abgemähten Wiesen und Getreidefeldern findet. Diese Kitze sollten sofort zum Tierarzt gebracht werden. Überlassen Sie das möglichst dem zuständigen Jagdpächter, sonst machen Sie sich des Wilddiebstahls schuldig. Feldhase: Die Mutter säugt ihr Junges nur einmal täglich. Die übrige Zeit duckt sich ein junger Feldhase, der als Nestflüchter vollständig behaart ist, in eine Ackerfurche oder ein Stück Wiese. Hier gilt das gleiche wie beim Rehkitz: keinesfalls anfassen! Nur offensichtlich verletzte Feldhasen darf man mitnehmen und zum Tierarzt bringen – und wiederum die Benachrichtigung des Jagdpächters nicht vergessen! Wildkaninchen: Kaninchen ziehen ihre nackt geborenen Jungtiere in Erdhöhlen auf. Hilflose Jungtiere findet man deshalb äußerst selten. Marder: Nicht nur auf Dachböden leben sogar mitten in unseren Städten zahlreiche Marder. Die Jungen werden nackt geboren, „düften“ aber schon intensiv. Fuchs: Trotz intensiver Tollwutbekämpfungsmaßnahmen muss man bei einem scheinbar zutraulichen Fuchs auch immer an die Möglichkeit einer tollwutbedingten Verhaltensauffälligkeit denken. Sie sollten das Tier nicht anfassen! Verständigen Sie den Jagdpächter oder die Polizei. Ästlinge: Viele Jungvögel verlassen ihr Nest, sobald sie vollständig befiedert sind. Wenn jetzt ein Nesträuber den Vögeln nachstellt, erwischt er nicht das ganze Gelege, sondern nur einzelne Tiere. Dadurch steigt die Überlebensrate der Jungtiere. Fliegen können die Kleinen zwar noch nicht, aber ihre Eltern versorgen sie unermüdlich. Wenn Sie einen Ästling gefunden haben, beobachten Sie aus sehr, sehr großer Entfernung, ob erwachsene Vögel sich um das Tierchen kümmern. Nur wenn klar ist, dass kein Elternvogel kommt, dürfen Sie einen Ästling mitnehmen. Nestlinge: Unbefiederte Jungvögel können ohne Hilfe nicht überleben. Sind sie durch einen Sturm oder beim Angriff eines Räubers aus dem Nest gefallen, reicht es aus, sie dorthin zurückzusetzen. Oft genug werfen die Elternvögel aber ihre Jungen selbst aus dem Nest, wenn diese krank oder schwach sind oder kein artgerechtes Verhalten zeigen. In diesen Fällen ist häufig auch eine sorgfältige Kunstaufzucht nicht erfolgreich.



Möwe mit ihrer Brut. (Foto: Archiv)

Helfen – aber wie?

Ohne die genaue Kenntnis der Tierart, ihrer Lebensweise und ihrer in verschiedenem Alter unterschiedlichen Nahrungsbedürfnisse kann die künstliche Aufzucht nicht gelingen. Am besten übergibt man den Findling erfahrenen Spezialisten. Inzwischen gibt es fast für alle Tierarten Anlaufstellen, wo man sich zumindest Rat holen kann. Meist kann Ihr Tierarzt oder das lokale Tierheim weiterhelfen. Je nach Art des Findlings helfen auch Igelstationen (z.B. www.pro-igel.de), Greifvogelspezialisten (z.B. www.Deutscher-Falkenorden.de) und regionale Vogel- und Wildtieraufzuchtstationen weiter. Hier können nur ein paar grundsätzliche Tipps gegeben werden.

Ohne ausführliche Anleitungen und am besten tatkräftige Hilfe von einem erfahrenen Spezialisten sollten Sie die Aufzucht eines Wildtieres nicht in Angriff nehmen. Säugetiere: Jede Säugetierart hat ihre eigene, ganz speziell zusammengesetzte Milch. Kuhmilch ist deshalb zur Aufzucht anderer Tierarten nicht geeignet, auch nicht in Form von Dosenmilch oder H-Milch. Neben der Zusammensetzung der Milch spielt auch die optimale Fütterungstemperatur eine große Rolle. Eichhörnchen zieht man mit einer 1:1-Mischung von Katzenaufzuchtmilch und Milupa Babymilch auf, Füchse mit Hundemilch, Marder mit Katzenmilch, Feldhasen mit Katzenmilch plus Schlagsahne und rohem Eigelb, Rehe mit Schaf- oder Ziegenmilch oder einer Mischung aus 1/3 Haferschleim und 2/3 Kuhmilch (Vollmilch). Vögel: Die Unterschiede zwischen verschiedenen Vogelarten sind enorm. Um Jungtiere erfolgreich von Hand aufziehen zu können, muss man zwingend die Art erkennen. Das ist manchmal selbst für Spezialisten schwierig! Jede Vogelart hat bestimmte Futteransprüche. Tauben ernähren ihre Jungen mit der so genannten „Kropfmilch“, die bei Handaufzucht durch einen Getreidebrei ersetzt werden kann. Junge Greifvögel werden mit Beutetieren, oder bei Handaufzucht mit Fleisch (möglichst mit Federn und Haaren) gefüttert. Schwalben und Mauersegler fressen Fluginsekten.

Die meisten Singvögel füttern, auch wenn sie selber Körnerfresser sind, ihre Jungen mit tierischem Eiweiß in Form von Insekten, Würmern und Spinnen. Diese Fütterung kann man notfalls mit einem Futterbrei aus Magerquark, gekochtem Eigelb, Schabemett, Zwieback, Mineralstoffpulver, zerquetschten Beeren, feingeschnittener Vogelmiere und Mineralstoff- und Vitaminzusatz ersetzen. Aber Achtung: Grünling, Kreuzschnabel, Girlitz und Hänfling sterben als strenge Vegetarier bei Verfütterung von tierischem Eiweiß. Sie ziehen ihre Jungen mit milchreifen Samen von Fichten, Kiefern, Löwenzahn, Gräsern und Koniferen auf. Bei der Handaufzucht ersetzt man das durch einen Brei aus aufgequollenen Haferflocken, gequollener Hirse, handelsüblichem Weichfutter und hartgekochtem Eigelb. Auch die Fütterungstechniken sind äußerst unterschiedlich. Manche Vogeljungen „sperren“ und bekommen dann Futter in den Rachen gestopft (z.B. Meisen, Finken, Krähen). Andere schnappen nach Futterbrocken, die die Altvögel vor ihre Schnäbel halten (z.B. Greifvögel, Eulen, Möwen). Wieder andere stecken ihren Schnabel in den Rachen des Altvogels, bis dieser Nahrungsbrei vorwürgt (z.B. Taube). Noch andere öffnen den Schnabel erst, wenn der Altvogel eine bestimmte Stelle am Schnabelwulst berührt (z.B. Spechte). Einige Jungvögel nehmen von Anfang an selbsttätig Futter auf (z.B. Hühner).



Rechtliche Aspekte

Wildtiere stehen in Deutschland unter besonderem rechtlichen Schutz. Die Naturschutz- und Jagdgesetze müssen ebenso beachtet werden wie Vorschriften des Tierschutzgesetzes und des Tierseuchenrechts. Wildtiere dürfen nur unter bestimmten Auflagen in menschliche Obhut genommen werden. Für besonders geschützte, vom Aussterben bedrohte Arten gelten besonders strenge Kriterien. Da in diesem Fall ausnahmsweise sogar Einzeltiere für die Arterhaltung wichtig sein können, sollte deren Aufzucht unbedingt Spezialisten überlassen werden.



Dr. Claudia Veit, Heidelberg