Osterhäschen und andere Hasenartige
Vom Leben der Hauskaninchen

Bald kommt er wieder: der Osterhase. Er saust durch die Gärten, versteckt für die Kinder emsig bemalte Eier und andere Leckereien und bringt Freude in kleine und große Herzen. Und schon jedes Kind weiß: Häschen wollen hoppeln, springen, Haken schlagen. Sei es der Osterhase oder der weltberühmte Peter Hase von Beatrix Potter, den es ja wirklich gegeben hat.

Doch die Realität sieht meist nicht so gut aus.
Sei es für die Kaninchen, die zur Fleischproduktion als Zucht- oder Masttiere gehalten werden oder gar für diejenigen, die in Laboren als Versuchstiere gehalten werden. Die geselligen Tiere fristen ein trostloses Dasein, lebenslang isoliert in engen Drahtkäfigen und oft unter Schmerzen. Auch diejenigen, die bei hunderttausenden von Hobbyzüchtern gehalten werden, führen meist ein tristes Leben und selbst als Heimtiere und Spielkameraden für Kinder können sie ihre Verhaltensweisen nur selten ausreichend ausführen. Hier einige Fakten:

Kaninchen in der Fleischproduktion
In den letzten Jahren hat sich die Industrialisierung der landwirtschaftlichen Tierhaltung auch bei Kaninchen etabliert. Sie werden ähnlich wie Legehennen und Pelztiere in engen mehrstöckigen Drahtkäfigen gehalten. Vier bis sechs Mastkaninchen sind eingesperrt in einem Käfig, der ihnen kaum mehr Platz bietet als ihre Körpergröße es benötigt. Hoppeln, Sprünge, "Männchenmachen" sind nicht möglich. Folglich kommt es schnell zu gesundheitlichen Schäden verbunden mit Schmerzen. Enge und Bewegungsmangel führen zu Wirbelsäulenverkrümmungen und Gelenkentzündungen, der Drahtboden schneidet sich in die weichen Pfoten und führt zu offenen Wunden bis hin zu Ballengeschwüren.



Die weiblichen Zuchttiere werden einzeln gehalten; abgesehen von der Zeit, in der sich die Jungtiere in der so genannten Wurfkiste innerhalb des Käfigs befinden. Diese permanente Enge zu den Jungen ist für Kaninchenmütter artwidrig, weshalb es immer wieder vorkommt, dass die Mütter ihre eigenen Jungen auffressen. Unmittelbar nach der Geburt wird das Weibchen wieder besamt, so dass alle 4 bis 6 Wochen Junge geworfen werden. Die hohe Reproduktionsrate belastet die Tiere enorm. Kein Wunder, dass sich ihre natürliche Lebenserwartung drastisch verkürzt.



Kaninchen im Versuchslabor
Die Versuchskaninchen werden ähnlich wie die Mastkaninchen meist in Drahtkäfigen gehalten. Ebenso stellen sich hier die gesundheitlichen Schäden und Verhaltensstörungen ein. Artwidrig ist auch die einseitige Fütterung mit energiereichen Pellets. Kaninchen besitzen einen trägen Verdauungskanal, der dadurch in Gang bleibt, dass immer wieder "nachgeschoben wird". Darum ist es wichtig, Kaninchen viel rohfaserreiches Futter wie Heu und Stroh anzubieten. Der Rohfaseranteil in den Pellets ist aber oft unzureichend, was verbunden mit dem Bewegungsmangel massiven Verdauungsbeschwerden Vorschub leistet.



Kaninchen in der Hobbyzucht
Traditionell werden Kaninchen in Holzverschlägen gehalten. Meist bestehend aus drei Seiten Bretterwand und einer mit Draht gespannten Frontseite. Auch die Hobbyzuchtkaninchen haben oft nicht den Bewegungsraum zur Verfügung, den sie bräuchten, um sich einmal richtig auszutoben. Und leider werden auch in dieser Zuchtrichtung viele Tiere einzeln gehalten, worunter sie leiden.

In der Hobbyzucht gibt es noch einen weiteren Aspekt zu beachten: So müssen bestimmte Zuchten als Qualzucht angesehen werden. Beim Englischen Widder führen extrem lange Ohren (wenn die Ohrenspitzen in Kauerstellung den Boden berühren) zu großer Verletzungsgefahr. Zwerge verschiedener Rassen sind oft lebensschwach, ebenso wie spezielle Schecken. Tiere mit sehr rundem Kopf haben oft Kieferverkürzungen verbunden mit Zahnfehlstellungen, was zu Behinderung der Futteraufnahme und auch zu Tränenabflussstörungen führt, so auch das Gutachten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zur Auslegung von §11b des TschG (Qualzuchtparagraph). (1999).

Kaninchen als Heimtiere
Aber auch in der Heimtierhaltung von Kaninchen ist nicht alles eitel Sonnenschein. Oftmals wird bei der Anschaffung der niedlichen Tierbabies nicht an die lange Lebensdauer und den Arbeitsaufwand gedacht, der auch ein Kleintier mit sich bringt. Oder daran, dass auch die artgemäßen Bedürfnisse kleiner Tiere berücksichtigt werden müssen. Dies führt dazu, dass auch in den Privathaushalten die lebensfrohen Tiere oft in kleinen Käfigen mit wenig Sozialkontakt leben oder als Spielzeug dienen. Dabei leben in Deutschland etwa eine Million Kaninchen als "Freunde" von Kindern in unseren Haushalten.

Doch dies brauchen alle Kaninchen:
Kaninchen sind sozial lebende Tiere. In ihrem natürlichen Umfeld leben sie in selbstgebauten Höhlen in Familiengruppen von 2 bis 5 Zibben und einem Bock. Gemeinsames Ruhen, gegenseitige Körperpflege, viel Bewegung und häufige Nahrungsaufnahme in kleinen Mengen bestimmen den Tag. Darum sollten sämtliche Kaninchen möglichst stets in Gruppen gehalten werden, noch besser mit Weideauslauf. Der Boden muss plan sein und eingestreut; die Umgebung strukturiert in Fressbereich, Ruhe- und Aufenthaltsbereich, Unterschlupf und Rückzugsmöglichkeiten.

Die Fütterung sollte abwechslungsreich sein und stets einen hohen Rohfaseranteil haben (viel Heu und Stroh anbieten). Darüber hinaus benötigen sie Objekte zum Benagen wie Äste oder Möhren. Dies sollte vor der Anschaffung von Kaninchen in der Heimtierhaltung beachtet werden:

Die Lebensdauer der kleinen Freunde kann 10 Jahre und mehr betragen. Hat man in all den Jahren genügend Zeit und Platz zur Verfügung?

Kaninchen sollten täglich Auslauf haben - in der Wohnung oder noch besser im Garten. Dabei muss beachtet werden, dass Kaninchen gerne nagen. Tapeten und Gardinen können angenagt werden. Besonders "beliebt" sind Kabel!

Der Käfig muss regelmäßig gesäubert werden, ab und zu steht ein Tierarztbesuch an und natürlich möchte das Tier täglich Familienanschluss spüren. Idealerweise werden zwei Tiere zu-sammen gehalten, auch Meerschweinchen eignen sich als Gesellschaft.

Auch wenn es oft die Kinder sind, für die ein Kaninchen angeschafft wird, ohne ein echtes Einverständnis und Mitwirken der Eltern geht es nicht, denn Kaninchen sind kein Spielzeug. Kinder müssen lernen, dass ein Kaninchen auch seine Ruhe braucht und seine Bedürfnisse zu achten.

Außerdem: Kaninchenbabies sind niedlich, doch sie wachsen schnell und ausgewachsene Tiere können recht kräftig werden.

Stehen Freunde/Nachbarn zur Verfügung, die bei Bedarf - sei es Urlaub oder Krankheit - auch kurzfristig die Tiere versorgen?

Auch an die Kosten sollte man denken. Im Laufe der Jahre kommt einiges zusammen für Futter, Tierarzt oder Zubehör.

Dr. Christiane Gothe