Ich wünscht, ich wär kein (Mast) Huhn

Geflügelfleisch liegt voll im Trend. Das Angebot in Deutschland ist kaum überschaubar. In den Kühltheken der Supermärkte und Delikatessenläden liegen Broiler, Poularden, Suppenhühner, Puten, Pekingenten, Flugenten, Gänse, Perlhühner, Wachteln, Fasane und Tauben zum Verkauf aus.

Ob als Teilstück oder als ganzer Schlachtkörper, ob gefroren oder frisch, kein Verbraucherwunsch bleibt unerfüllt. Bei diesem reichhaltigen Angebot und den Zusagen der Marketingstrategen, dass Geflügelfleisch besonders cholesterinarm und daher besonders gesund sei, wundert es nicht, dass der Geflügelfleischverbrauch in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Derzeit verspeist jeder Bundesbürger im Jahr rund 18,5 kg Hähnchenfleisch und etwa 5,7 kg Putenfleisch etwa 5,7 kg (Statistik 2013). Doch nur die wenigsten Verbraucher wissen darum, wie dieses Fleisch „produziert“ wird. Begleiten Sie uns einmal in einen Maststall für Hähnchen und in eine Geflügelschlachterei. Ohne dass es direkt unsere Absicht ist, steht zu befürchten, dass Ihnen schon bald der Appetit auf Geflügelfleisch vergehen wird.


Die rasante Gewichtsentwicklung der Masthähnchen wird neben der genetischen Veranlagung dieser Tiere zum schnellen Wachstum durch ein intensives Management unterstützt. Um Energiekosten zu sparen wird die Temperatur ab der 2 Woche schrittweise bis auf 22-24 °C gesenkt. Die Lichtintensität ist gerade so bemessen, das die Tiere die Futterrinne erkennen können. Das Futter besteht zur einen Hälfte aus Getreide und zur anderen Hälfte aus Futterersatzstoffen wie etwa eiweißhaltigem Sojaschrot, das in der Regel aus der Dritten Welt importiert wird. Zur Verhinderung der gefürchteten Kokzidiose, einer Erkrankung des Darmtraktes des Huhns, werden dem Mastfutter jeweils unterschiedliche Pharmaka beigemischt, die eine Erkrankung der Tiere verhindern sollen. Je nach Mittel sind hier Wartezeiten zwischen 3 und 9 Tagen vorgeschrieben. Ob diese wirklich eingehalten werden, ist jedoch mehr als fragwürdig, denn schon allein aus technischen Gründen ist eine kurzfristige Futterumstellung kaum möglich.


Innerhalb von 35 Tagen expodiert das Körpergewicht des Kükens von wenigen Gramm auf rund 2 kg Endgewicht. Das Endprodukt ist ein „Babyvogel“, der an Beinen und Brust so viel Fleischansatz hat, dass er kaum mehr gehen kann. Im Durchschnitt leiden 40 Prozent der Tiere an Gelenkdeformationen, da sich die noch nicht ausgehärteten Knochen unter der Last des Fleisches verbiegen. Viele der Tiere weisen schmerzhafte Entzündungen der Brustmuskulatur  und den Ständern auf, die durch feuchte Einstreu hervorgerufen wird. Ist der Zeitpunkt der Schlachtung gekommen, werden die Tiere von Hand gefangen und in Transportkisten gestopft. Da dies im Akkord geschieht, ist der Umgang mit den Tieren entsprechend ruppig. Ob schon einmal ein Bein oder ein Flügel bricht interessiert nicht weiter, denn die Tiere werden ja doch bald geschlachtet. Neuerdings werden aber auch Maschinen zum Einsammeln der Tiere eingesetzt. Diese funktionieren ähnlich wie Kehrmaschinen. Rotierende Gummischlegel nehmen die Tiere auf, transportieren sie auf ein Förderband, von wo aus sie von Hand in die Transportboxen gesteckt werden. Sobald alle Tiere verladen sind geht es per LKW zur nächsten Geflügelschlachterei. Diese kann aber durchaus einige hundert Kilometer entfernt sein, Transportzeiten von mehreren Stunden sind keine Seltenheit. Transportiert wird in der Regel nachts, damit sich diese Tragödie nicht vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt. Am Schlachthof angekommen, werden die Tiere sofort geschlachtet, sofern das Schlachtband nicht schon belegt ist.


Die Schlachtung der Tiere erfolgt vollautomatisch. An den Ständern - so heißen die Beine beim Geflügel- werden die Tiere in die Bügel einer Förderkette hineingeschlagen. Mit einer Geschwindigkeit von 22 cm pro Sekunde geht es dann dem Tod entgegen. Den Kopf nach unten hängend gelangen die Hühner zunächst mit dem Kopf in ein Wasserbad, in dem sie einen Stromschlag erhalten. Dieser soll die Tiere keinesfalls sofort töten, sondern sie in einen bewusstlosen Zustand versetzen. Wichtig ist, dass das Herz noch schlägt, wenn die Tiere dem sog. Töter, einer Maschine mit rotierenden Messern zugeführt werden, der die Halsschlagader aufschneidet, denn nur dann bluten die Tiere vollständig aus. Erfahrungsgemäß sind aber bereits 10 % aller Tiere nach dem Verlassen der Betäubungswanne bereits tot. Andererseits verlassen etwa 30 Prozent der Hühner das Wasserbad unbetäubt. Diese Tiere werden im Prinzip geschächtet, da ihnen bei lebendigem Leibe die Halsschlagader geöffnet. Auch kommt es vor, dass einige Tiere den „Töter“ lebend passieren. Sie werden „per Hand nachgearbeitet“, was so viel bedeutet, dass ihnen von einem Kontrolleur mit einem kreisförmigen Schnitt die Halsschlagader nachträglich geöffnet wird. Anschließend bluten die Tiere etwa 5 bis 6 Minuten über einer Rinne aus. Im nächsten Arbeitsgang werden die nunmehr toten Tiere in ein siedendes Brühbad getaucht, damit die Federn in der Rupfmaschine, die einer Autowaschanlage ähnelt, besser ausgerissen werden können. Am Ende dieser ersten „Schlachtstraße“ wird den Tieren automatisch der Kopf abgerissen und die Ständer abgehackt. Über eine Rutsche gelangen die Schlachtkörper in einen zweiten Raum. Der nächste Arbeitsschritt ist die Entfernung der Kloake und die Ausweidung der Schlachtkörper. Auch dies geschieht maschinell. Die entnommenen Eingeweide werden per Hand sortiert und je nach späterem Verwendungszweck der Schlachtkörper, Leber, Herz und Magen wieder in die Tiere hineingestopft. Beim letzten Arbeitsgang werden die Schlachtkörper in einem Wasserbad bis auf ca. 4° Celsius abgekühlt. Während dieser ca. 40 Minuten dauernden Zeitspanne nehmen die Schlachtkörper nicht nur bis 10 Prozent Wasser, sondern auch Salmonellen auf, die in jeder Geflügelschlachterei vorkommen. Nicht umsonst wird bei der Zubereitung von Hähnchen empfohlen, das Abtauwasser sorgfältig zu beseitigen und nicht mit anderen Lebensmitteln in Berührung kommen zu lassen, sowie Geflügelfleisch nur gut durchgekocht oder durchgebraten zu verzehren.


Nach der Herunterkühlung der Schlachtkörper erfolgt eine automatische Gewichtssortierung. Etwa ein Viertel der Geflügelprodukte wird frisch verkauft, die übrigen gelangen tiefgefroren in den Handel.


Ob das so produzierte und geschlachtete Brathähnchen noch schmeckt, muss jeder Konsument für sich selbst entscheiden. Im Volksmund heißen diese Tiere sicherlich nicht umsonst „Gummiadler“. Je nach Futtermittel variiert der Geschmack des Fleisches in engen Grenzen: mal schmeckt es etwas „fischig“, mal etwas „tranig“. Brathähnchen von Grillstuben sind in der Regel so überwürzt, dass der Eigengeschmack des Fleisches, wäre er vorhanden, ohnehin nicht erfasst werden könnte.


Es stellt sich nun die Frage, ob Verbraucher sich weiterhin an diesem Geschehen mitschuldig machen möchten. Wir meinen NEIN! Diejenigen Verbrauchen, die nicht auf den Verzehr von Fleisch verzichten möchten, sollten die Möglichkeit nutzen,  Geflügelfleisch aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen.

Immer breiter wird das Angebot

aus extensiver Bodenhaltung
aus Auslaufhaltung
aus bäuerlicher Auslaufhaltung
aus bäuerlicher Freilandhaltung.

Diese Hinweise machen deutlich, dass diese Produkte nicht aus der herkömmlichen Massentierhaltung stammen. In einer EWG-Verordnung ist genau festgeschrieben, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um Produkte unter diesen Bezeichnungen vermarkten zu dürfen. Außer bei der extensiven Bodenhaltung haben die Tiere Auslauf. Bei allen Haltungssystemen liegt die maximale Besatzdichte für Broilermast bei 12 Tieren pro Quadratmeter. Langsam wachsende Tiere werden den schnellwüchsigen Rassen vorgezogen, der früheste Schlachttermin liegt bei 10-12 Wochen. Ursprünglich stammen diese Vorschriften aus Frankreich, wo der Verbraucher noch mehr Wert auf ein ausgereiftes, wohlschmeckendes Geflügelfleisch legt. Im zunehmenden Maße werben in Deutschland Bioverbände für ihre Produkte aus artgerechter Tierhaltung. In ihren Richtlinien gehen diese Verbände zum Teil über die Vorschriften der beschriebenen EWG-Richtlinie hinaus. Leider ist das Angebot von Geflügelfleisch, das unter den Gütesiegeln dieser Verbände vermarktet wird noch sehr gering. Viele Bio-Betriebe verkaufen zudem ihre Produkte direkt ab Hof, so dass sie erst gar nicht in den Handel kommen. Wer bei der Suche nach Geflügelfleisch aus kontrollierter, artgerecher Tierhaltung nicht fündig wird, sollte Kontakt mit den Bauernhöfen in seine Umgebung aufnehmen. Einige halten für den eigenen Bedarf und für Freunde und Bekannte kleine Bestände. Unter Umständen sind solche Betriebe gerne bereit, bei Vorbestellungen ein oder mehrere Tiere für Sie mit zu mästen. Bei der Berücksichtigung der aufgeführten Punkte unterstützen Sie nicht nur eine artgerechte Tierhaltung, sondern leisten auch einen Beitrag für eine gesunde lebenswerte Umwelt.

Masthühner

Düsseldorf - 38 Tage dauert die Mast eines Hähnchens im Schnitt. In dieser kurzen Zeitspanne erhalten die allermeisten Tiere mehr als eine Woche lang Antibiotika. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Verbraucherschutzministeriums in Nordrhein-Westfalen hervor. Im größten deutschen Bundesland wurden 96,4 Prozent der untersuchten Tiere mit den Medikamenten behandelt, wie der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) am Dienstag in Düsseldorf mitteilte. Damit war weniger als jedes 25. Masthähnchen unbehandelt. (weiter)